K A P I T E L 1: H E L D E N

"Erzittere Grube, der besoffene Bergmann kommt", sagt Wolodja, bevor er in die Mausefalle kriecht. Die Mausefalle ist eine selbstgegrabene Mine, nicht höher als vierzig Zentimeter. Die Kumpel müssen auf dem Bauch liegend zweihundert Meter hineinkriechen, auf dem Bauch liegend die Kohle herausschlagen, auf dem Bauch liegend die Kohle zerkleinern und auf dem Bauch liegend die Kohle in eine Blechwanne schaufeln. Diese Blechwanne ziehen sie später mit einem Gummiband nach draußen.

Draußen, das ist ein kleines Bachbett am Fuße eines steilen Hanges. Dort wird die Kohle gesiebt, in Säcke gefüllt und auf ein kleines Wägelchen gestellt. Dieses Wägelchen ziehen die Männer mit Hilfe einer Seilwinde den Hang hinauf. Auch die haben sie selbst gebaut, aus einer alten Felge, auf die sich das Seil wickelt. Sie drehen die Felge, indem sie zwei lange Stangen gemeinsam vor sich her schieben. Ist die Kohle erst einmal oben, wird sie verteilt, getauscht und manchmal auch verkauft. Das reicht für ein warmes Zuhause und ein paar Nahrungsmittel.

Dies alles geschieht in einem der ehemals reichsten Bergbaugebiete der Welt, im Donetsk-Becken in der Ukraine. Hier war man stolz, ein Bergmann zu sein, hier war praktisch jeder Arbeiter Bergmann, hier hatte jede Stadt, jedes Dorf mindestens eine eigene Grube. Heute sperrt eine Grube nach der anderen zu. Die Schächte sind veraltet, unrentabel und voller Methangas. Oft wird Kohle noch mit Presslufthämmern abgebaut, und viele Kumpel gehen nur zur Arbeit, um die Grube am Leben zu erhalten. Lohn haben sie schon ewig keinen mehr gesehen.

In dieser Gegend wurde 1935 Aleksej Stachanov, ein Kohlenhauer aus dem Dombass, zum Helden der Arbeit. Er schlug in einer Nacht das Vierzehnfache der Arbeitsnorm aus dem Berg. Eine Stadt und eine Bewegung wurden nach ihm benannt, eine riesige Statue errichtet. Heute noch legt jedes Brautpaar einen Strauß Blumen an dieser Statue nieder.

Heute verwenden die Bergleute die gleichen Arbeitsgeräte wie zu Stachanovs Zeiten: Vorschlaghammer, Meisel und Spitzhacke. Sie arbeiten in kleinen und kleinsten Minen. Solchen, die sie selbst gegraben haben, und solchen, deren Standort nur mehr die Großeltern kannten. Es gibt Minen, in die man mit dem Fahrrad fährt, Minen, in denen nur Frauen arbeiten, alte, wieder angebohrte Schächte, kleine Gruben im eigenen Garten oder auch nur Schlackehalden. Wo immer noch ein paar Kübel Kohle oder Kohlestaub gefunden werden können, wird gegraben und gefördert.

In solchen Minen verdient man besser als im offiziellen Abbau, und man ist sein eigener Herr. Dafür wird man von der Polizei verfolgt oder von diversen Dachorganisationen "beschützt" - Bestechungs- und Schutzgelder fließen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sind meist Pensionisten oder entlassene Kumpel. Helme, Lampen und Stiefel haben sie noch aus der Zeit, in der sie in offiziellen Minen gearbeitet haben. Damals konnte man sich am Arbeitsplatz waschen. Das geht heute nicht mehr. Aber Kohlestaub ist schließlich kein Dreck, Kohlestaub ist Kohle, und Kohle ist Leben.

Und überall, wo nach Kohle gegraben wird, herrscht Dobro Schubin, der unberechenbare Geist der Grube. Gut oder böse kann er sein, je nach Stimmung, und so wissen alle Bergleute, dass es besser ist, ihn bei Laune zu halten. Denn dann bringt er Schutz und Glück.


 

K A P I T E L 2: G E I S T E R

Wenn der Tag heraufdämmert am Kawa Ijen, schälen sich Männer mit lässig über die Schultern gelegten Bambuskörben und Fackeln in der Hand aus dem Dunkel, um bald wieder in den weißen Schwefeldämpfen des Vulkans zu verschwinden.

Steht die Sonne am Himmel, haben sie die "Küche" erreicht. Die "Küche" ist der Ort am Rand des blaugrünen, heißen Sees am Boden des Kraters, wo der Schwefel gewonnen wird. Die "Küche" spuckt, pfeift, dampft und beißt. Dort rinnt flüssiger Schwefel aus langen Tonrohren an die Luft und erstarrt innerhalb weniger Minuten. Aus orangefarbenen Pfützen werden hellgelbe, an den Rändern gezackte Platten.

Die Männer nehmen lange Eisenstangen, stopfen sich ein Tuch oder den Ärmel ihrer Jacke in den Mund und laufen hangaufwärts, direkt in die beißenden Dämpfe, wo sie die Schwefelplatten vom Boden abstemmen. Jeder Einzelne kann das nur wenige Minuten ertragen, bevor er Luft holen, husten und ausspucken muss. Dann kann er wieder weitermachen.

Die gelockerten Stücke füllen sie ihre Körbe und tarieren, bis Gewicht und Balance stimmen. Sie laden sich je nach Alter, Erfahrung und Kraft zwischen 70 und 120 Kilogramm auf, bevor sie den Rückweg, den Krater hinauf und den Berg hinunter, in Angriff nehmen.

Ihre Haare, Augenbrauen und Wimpern sind noch gelb vom Schwefel, wenn sie zum ersten Mal Pause machen. Sie drehen fingerdicke Zigaretten oder essen in Bananenblätter gewickelten Reis. Manche sitzen dabei gerne zusammen und besprechen Politik, Familie, Freundinnen, die neueste Musikgruppe oder Beschneidungsrituale. Andere tragen, essen und rauchen lieber alleine.

Pak Agus, Hartono, Pak Jo, Herudin und Madrusin gehören wohl zu den stärksten Männern der Welt. Sie tragen ihre Last fünf Kilometer ins Tal, und das oft zweimal am Tag. Dabei müssen sie an in- und ausländischen Touristen vorbei, die die Naturschönheiten und die Arbeiter selbst bestaunen.

Einen Arbeiter am Kawa Ijen zu fotografieren kostet inzwischen Geld. Die Männer haben begriffen, dass sie eine Attraktion darstellen. Für Zigaretten, Kekse oder ein paar Rupien posieren sie gerne für die Kamera und gehören wohl zu den meistfotografierten Arbeitern der Welt. Pak Agus mit seinen bald fünfzig Jahren ist in Fotoalben von Franzosen, Deutschen, Koreanern und Amerikanern zu finden. Manche stellen auch für die Touristen kleine Statuen aus Schwefel her. Diese Souvenirs werden gerne gekauft.

Das Erreichen der Wiegestation ist für alle der schönste Moment des Tages. Hier hat die Schlepperei ein Ende. Jeder Korb wird gewogen, und der Lohn, der pro Kilo berechnet wird, wird sofort ausbezahlt. Die Männer warten noch auf den Lastwagen, der zweimal am Tag kommt, leeren ihre Körbe und werfen sie auf die Bäume, die um ihr kleines Wohnhaus in den Himmel ragen. Dann wird gegessen, geraucht, Karten gespielt und geschlafen.

Nachts kriecht jeder der Männer in einen kleinen Verschlag, der kaum größer ist als er selbst. Die kleinen Räume sind mit Öllämpchen beleuchtet und mit Bildern von Staatspräsidentin Megawati, von Rockmusikern oder Heiligen dekoriert. Oben im Vulkan brennen die Feuer der "Küche" leuchtend blau vor sich hin.

 

K A P I T E L 3: L Ö W E N

Der Schlachthof von Port Harcourt ist ein Labyrinth aus Menschen und Tieren. Das ganze Areal ist eigentlich ein Markt. Es liegt zwischen dem Zoo, einer gerade in Bau befindlichen Brücke, einem Fluss und einer Gegend, die Konzerne wie Coca Cola und Shell beherbergt.

Die Anlage besteht aus einigen Buden, einer großen überdachten Markthalle, einem Kühlhaus, einer umzäunten Koppel für die Kühe, halboffenen Schweineställen, einem Billardtisch unter einem Vordach, einer Moschee, einigen Wohnhütten, einem Hang zum Flussufer und den Plätzen, an denen geschlachtet wird.

Diese Plätze sind einen große betonierte Fläche, "the Slab", wo die Rinder geschlachtet, gehäutet und zerteilt werden, und eine verkohlte Erhebung, die zum Rösten von Kuhköpfen, Kuhhaut, Kuhfüßen und ganzen Ziegen dient.

Als erstes holen die jungen Helfer der Ziegenschlächter und Ziegenröster die Ziegen. Die Ziegen schreien am lautesten, während sie aneinandergebunden zum Schlachtfeld geführt werden. Ob sie bemerken, was ihnen bevorsteht, ist unklar - vielleicht ist es ihnen einfach nur unangenehm, aneinandergebunden herumgezerrt zu werden.

Dann holen andere junge Helfer, die davor Gummireifen zerschnitten hatten, mit Teilen dieser Reifen Feuer von den Feuerstellen der Frauen, die vor dem Gasthaus zu kochen beginnen. Wenn das Feuer zum Schlachtplatz kommt, mischen sich schon aufgeregte "Mallam, Mallam"-Rufe unter das immer lauter werdende Geschrei der Ziegen. "Mallam" heißt "Herr" oder "Mann" - es ist eine respektvolle Anrede für den obersten Ziegenschlächter, der so gerufen wird, um der Ziege, die gerade auf dem Boden festgehalten wird, für 40 Naira die Kehle durchzuschneiden.

Inzwischen treiben die Helfer der Kuhhändler und Schlächter die Rinder von der Koppel zum Slab. Das ist der schönste Moment für die Arbeiter. Es ist eine Mischung aus Mutprobe und ausgelassenem Laufen. Die Stiere, und handelt sich ausschließlich um Stiere, machen keinerlei Lärm, benehmen sich aber auf diesen fünfzig Metern zum Schlachtfeld noch einmal wild und ausgelassen, um sich dann aber fast apathisch ihrem Schicksal zu ergeben.

Am Slab werden die ersten Rinder zu Boden geworfen und klatschen dumpf auf den Beton oder in die schon entstandenen Blutlachen, während die Keiler ihr "Kandapellethead!" - "Innereien - Haut - Kopf" in die Welt hinaus singen. Manche verhandeln schon lautstark mit den eintreffenden Kundinnen, deren Preisvorstellungen meist auf einer anderen Ebene befinden.

Am Ziegenschlachtplatz ist noch immer das Schreien von Mensch und Tier, das Schlachten und das Rösten im Gange. Am Slabnd die Rinder inzwischen großteils gehäutet und zerteilt, und die Träger laden sich große Fleischteile auf die Schultern. Das gehört zu den schwersten Arbeiten überhaupt. Diese Männer laufen dann mit einem halben Stier auf den Schultern zu den Waschtrögen, wo sie das Fleisch kurz einweichen und reinigen, um es gleich darauf noch einmal zu schultern und damit quer durch den Markt zu laufen, wo sie es in Kofferräumen von Taxis und Lieferwägen verstauen.

Dieses Rad von treiben, schlachten, sterben, tragen, waschen, rösten, hacken, zerstückeln, handeln, schreien, streiten, kreischen, jubeln und laufen dreht sch frenetisch, bis es Mittag ist und die Geier kommen.


 

K A P I T E L 4: B R Ü D E R

Es schneit in Shamorgar, einem kleinen pakistanischen Bergdorf nahe der Grenze zu Afghanistan. Ramadan ist vorüber. Die Ernte ist eingebracht. Mais, Zwiebel, Kartoffel und Tomaten werden eingewintert. Es ist ruhig im Dorf. Ein Schmied repariert Hacken, Harken, Schaufeln und Pflüge. Der Muezzin ruft zum Gebet. Weit hallt seine Stimme über das Land.

Die Paschtunen sind groß, stolz und stark. Die Männer sprechen sanft, werden selten laut. Sie sagen von sich selbst, sie können die schwersten Arbeiten verrichten, und das ohne Angst, denn Allah habe sie dazu auserkoren. Deshalb sind es auch hauptsächlich sie, die die lange Reise von den Bergen des Nordens in das südliche Baluchistan aufnehmen, um dort große Schiffe zu zerlegen. Stück für Stück schweißen sie die riesigen Rümpfe entzwei, bis nur mehr kleine Stahlplatten übrig bleiben.

Dawa Khan, einer der Bauern aus Shamorgar, hockt Seite an Seite mit seinen Kollegen im Bauch der "Sea Giant", bis vor wenigen Monaten noch eines der größten Tankschiffe der Welt, und schweißt akribisch eine nicht enden wollende Naht auf. Die Funken stieben durch den riesigen halligen Raum. Ein Krachen und Schwanken lässt alles erzittern. Dawa Khan ruft Kommandos nach oben. An der Außenseite des Schiffsrumpfes das gleiche Bild. Überall öffnen sich Nähte im Stahl, werden Seile verlegt, Ketten befestigt und Kommandos geschrieen. Dann kehrt plötzlich Ruhe ein.

Die letzte Naht springt auf. Der Vorarbeiter spricht leise Anweisungen in sein Funkgerät. Dieselmotoren heulen in der Ferne auf. Ein Stahlseil zischt durch den Sand. Die Männer treten von der Stahlwand zurück und warten. Langsam bricht die 80 Meter hohe Wand weg und fällt mehr als 100 Meter nach unten ins Meer. Der Blick auf einen Strand voller riesiger, rostiger Metallteile ist frei.

Von den Arbeitern in Gaddani geht eine seltsame Ruhe aus. Nie wirkt ihre Arbeit hektisch oder unbeherrscht. Schritt für Schritt, Handgriff für Handgriff, Schlag für Schlag zerlegen sie in wenigen Monaten das riesige Gebilde aus Stahl. In den Pausen und nach der Arbeit kochen sie für sich selbst und beten. Sonst gibt es nichts zu tun in Gaddani. Die Arbeiter trinken nicht und schlafen wenig, denn die meisten Schweißer erwartet nach dem Abendgebet eine Nachtschicht. Je schneller ein Schiff zerlegt ist, desto besser für den Gewinn der Reeder.

Gaddani befindet sich nach dem Irakrieg und wegen der Dominanz von ähnlichen Orten wie Alang in Indien und Chittagong in Bangladesh auf dem absteigenden Ast. Nur wenige Schiffe kommen noch hierh,er um verschrottet zu werden. In den siebziger und achtziger Jahren konnten man sie noch am Horizont warten sehen. Heute schließt eine Werft nach der anderen. Ist ein Schiff erst einmal zerlegt, liegt der Strand meist wieder ruhig und
friedlich da.

Nichts erinnert an das Tankschiff, außer die Ölreste, die noch an den Strand schwappen.

 

K A P I T E L 5: Z U K U N F T

China erlebt einen inneren und äußeren Aufbruch. Vergleichbar wohl mit dem Europa, insbesondere dem Deutschland der Nachkriegszeit. Dort glaubte man auch an eine wunderbare Zukunft voller Arbeit, Erfolg und Wohlstand.

In den Stahlwerken von Anshan in der Provinz Liaoning herrscht der Glaube an Wissen, Bildung und Effizienz. Nicht mehr wie früher werden Muskelkraft und der Einsatz des Einzelnen hochgehalten. Die Vorzeigehelden der Vergangenheit wie Mang Tai oder Wang Xinxi sieht man wohl noch als Vorbilder, aber ihre Strahlkraft scheint in weite Ferne gerückt.

In der Stahlstadt "Angang Works" stehen das alte und das neue China Seite an Seite, Hochofen an Hochofen. In einer Straße sind Öfen in Betrieb, die noch die Japaner in den dreißiger Jahren gebaut hatten, ein paar hundert Meter weiter oben steht eine hochmoderne Anlage - die "Neue Nummer Eins". Am Horizont wird die "Neue neue Nummer Eins" gebaut.

Obwohl der Fortschrittsglaube der Stahlarbeiter unerschütterlich ist, meint einer von ihnen im Interview lakonisch: "Arbeiten müssen wir aber trotzdem noch - genauso hart wie früher."

Und daran, dass ihre Kinder hier noch arbeiten werden wollen, glaubt fast keiner.

 

K A P I T E L 6: E P I L O G

In Ruhrgebiet in Deutschland ist das ehemalige Hüttenwerk Duisburg-Meiderich mittlerweile ein Freizeitpark geworden. Die letzte Schicht ist lange her. Nichts mehr außer der rostigen Stahlstruktur erinnert an die Stahlerzeugung vergangener Tage. Die Menschen benutzen die Anlage gerne zum Freizeitvergnügen. Eintritt ist keiner zu bezahlen, außer für Veranstaltungen.

Von der Spitze des Hochofens ist der Blick weit. In der Ferne rauchen die Schornsteine der Thyssen-Krupp-Werke. Sie sind noch in Betrieb, und beim Anstich am Abend lässt das glühende Eisen den Himmel orange aufleuchten. Die Hochofen in Meiderich leuchten auch: grün, rot und blau.

Überall auf dem Hochofen sitzen junge Paare, bauen Fotografen ihre Stative auf, wohnen Touristengruppen Führungen bei oder hängen Jugendliche ab. Das Rot wird grün und wieder rot. Irgendwo ein Kuss. Anderswo ein Streit. Die Touristen bestaunen die alte Anlage. Während der Hochofen in allen Farben erstrahlt, malt ein junger Mann seiner Geliebten eine gemeinsame Zukunft aus. Der ehemalige Industriekomplex blinkt in rosa, grünem und blauem Licht.

Wenn es Nacht wird in Duisburg, dann funkeln die Hochöfen. Neongrün - knallbunt.
Kunstlicht - im wahrsten Sinne des Wortes. Der englische Lichtkünstler Jonathan Park leuchtet den Duisburgern mit seiner spektakulären Inszenierung heim. Ganz Deutschland kennt diese Lightshow aus Presse, Funk und Fernsehen. Sie können die feurigen Öfen live und in Farbe erleben. An jedem Wochenende und an allen Feiertagen. Und Sie können sich durch das blau-grün-rote Dunkel führen lassen.
Na, geht Ihnen da nicht ein Licht auf?